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Hallo an alle Deutschen (Newsletterempfänger),
MIR geht's gut. Genauso drückten es auch schon die russischen Kosmonauten aus (Bodo Bach übrigens auch, aber das nur am Rande), wenn sie sagen wollten, dass zwar alles auseinanderfällt aber die MIR trotzdem noch eine Weile am Himmel bleiben würde.

Genauso schaut es auch hier aus: Tobias und ich wohnen immer noch bei unserer Gastfamilie, auch wenn uns inzwischen immer mehr Sachen stören, die wir uns in einem privaten Umfeld (hoffentlich) anders einrichten könnten.
So haben wir nach inzwischen gut 3 Wochen Präsenz hier immer noch keinen Schlüssel, einmal wurden wir nachts mehr oder weniger ausgeschlossen (ein Missverständnis oder ein klares Votum gegen Ausgehen?), mich nervt der Fernsehsender "Discovery Kids" inzwischen doch sehr, da das Kinderfernsehen hier extrem überdreht ist und während dem Essen der Fernseher natürlich an sein muss und und und...
Denn sosehr ich "Angelina Ballerina", "Cuzko", einen überdrehten Inkaherrscher und "Jorge, el curioso"(ein noch überdrehterer Affe mit Helfersyndrom) inzwischen zu wertschätzen weiß: Irgendwann möchte man sie alle auf den Mond, oder um bei den Russen zu bleiben, auf die MIR schießen. Auf dass sie niemals mehr wiederkommen mögen :-)
Aber gut, soviel zur Wohnung hier. Es gibt, zu diesem Schluss sind Tobias und ich inzwischen gekommen, wohl immer Momente, in denen einfach alles zu viel wird, vom Fernsehen während dem Essen über die Behausungsmöglichkeiten bis hin zu den ständigen "Taxi Taxi chicos"-Rufen der Taxifahrer.
Gerade habe ich nochmal kurz im letzten Newsletter gelesen und bin doch mehr oder weniger erschreckt, wie viel Neues sich getan hat: In der Zwischenzeit hat uns der Bürgermeister empfangen, ich arbeite recht regelmäßig, hatte mal kurz eine Grippe und langsam kommen wir zwei auch immer mehr "in Touch" mit den Nicas.

Aber um vorne anzufangen: Während Tobias jetzt schon zwölf mal vier Stunden Sprachkurs täglich hatte, wollte ich mich natürlich auch nicht langweilen. So habe ich jetzt schon zwei volle Wochen im Gesundheitszentrum gearbeitet und auch die Samstage und Sonntage sind recht dicht gepackt. In der ersten Woche habe ich meinem Mentor Leonel bei seiner Tätigkeit als Hygienebeauftagter geholfen, das heißt wir sind zu Straßenrestaurants, Restaurants, Bars, Hotels und "Tante Emma"-Lädchen gegangen und haben dort mal genauer, mal weniger genau auf Hygiene etc. geachtet. In der einen Pulpería waren so die Orangensäfte abgelaufen, bei einem Hotel war die Seife schmutzig und so weiter und so fort. Dann habe ich zum Beispiel noch 20 Hände mit Wattestäbchen "abstreichen" dürfen. Die Proben werden dann alle noch untersucht und die Händeeigentümer erfahren, ob sie mangelnde oder gute Handwäsche betreiben.
Dann haben wir auch noch aktiv Malaria-/Dengueprävention betrieben, indem wir "Galvanizadoras", also Auto- und Fahrradwerkstätten besucht haben. Dort wurde unter höchstem Körpereinsatz meinerseits jeder Reifen untersucht, ob sich darin Wasser angesammelt hat, wodurch sich dadurch Mücken fortpflanzen könnten.
Die Arbeit, die mir also jetzt eher spontan zugeteilt wurde, macht aber nichtsdestotrotz Spaß, gerade mit Leonel, der wirklich ein super Mensch/Typ/Freund/Nica ist. Da die Arbeitseinstellung hier aber sehr viel lockerer ist (Ja, also heute müssen wir drei Betriebe überprüfen... machen wir heute nachmittag, ok?) und viel Zeit für die einzelnen Personen übrig bleibt, komme ich inzwischen auch sehr gut mit allen Mitarbeitern des Gesundheitszentrums aus.
Im Gesundheitszentrum hat übrigens nun "Tere", die Frau Leonels, die Leitung übernommen. Der vorherige Direktor hat sich der leicht desolaten Lage nämlich nicht mehr gewachsen gesehen und hat den Rücktritt eingereicht, 2 andere Mitarbeiter parallel zu ihm auch.
Neben dieser Arbeit im Gesundheitszentrum würde sich auch eine engagierte Bürgerin hier aus San Juan freuen, mit uns arbeiten zu dürfen. Lilliam Reyes, die inzwischen schon etwas älter ist, ist Hauptbetreiberin der "Fundación Gaspar García Laviana" und kümmert sich hier in 10 von ca. 30 Municipales (Ortschaften) um einige Belange der Bürger. So waren Tobias und ich am 2. Oktober mit einigen Mitarbeitern von ihr so richtig schön "aufm Land". Dieses "aufm Land" ist deswegen in Gänsefüßchen, da man sich als Deutscher unter dieser Formulierung vielleicht ein schönes Bauerngehöft mit einem großen Stall mit vielen fröhlich muhenden Kühen und einem freundlichen Großmilcherzeuger vorstellt, der gerade mit einem schönen Almhintergrund einige metallene Milchkannen über den Hof trägt, ein anspornendes Arbeiter-Lied auf den Lippen, im Hintergrund hängt die dralle Bauersfrau missmutig dreinblickend ein paar Bettlaken auf, neidisch auf ihren Mann, der mal wieder so voller Arbeitslust strotzt, dass es kaum zum Aushalten ist. Aber sonst ist die Trachtentragende Bauersfrau immer gut gelaunt.
So viel zur deutschen Idealvorstellung der "aufm Land"-Formulierung, geprägt von Milka Werbespots und dem eigenen Südtirolurlaub.
Natürlich brauche ich nach dieser Vorgeschichte nicht erwähnen, dass das hier leicht anders ist.
Ungefähr 25 km von San Juan del Sur entfernt, trotzdem eine kleine Weltreise und selbst mit dem Auto nicht in unter 1h 15 Minuten zu schaffen, liegt eine kleine Häusersiedlung namens Tortuga. Klein ist in dieser Hinsicht relativ zu verstehen, da selbst ein kleines Dörfchen hier mal schnell einige Tausend Einwohner hat. So wirklich einsam wird es hier nie. Die Autofahrt dauert so lange, da der Weg hierher nichtmal das nichtssagende Wörtchen "Weg" verdient hat. Bergig, steinig, teilweise matschig, mindestens drei Flüsse zu durchqueren, bei Regen quasi nicht passierbar: Ja, hier braucht man wirklich einen Jeep. Und nicht im netten und fast überall asphaltierten Europa.
Was in Deutschland abfällig ein Feldweg genannt wird und zu einer Geschwindigkeit unter 30 km/h einlädt, würde hier mit offenen Armen empfangen werden.
Ja, und genau diesen holprigen Weg sind Tobias und ich lang gefahren, wobei wir uns glücklich schätzen durften, im Auto drinnen fahren zu dürfen. So Sitzpolster fangen nämlich die gröbsten Schlaglöcher ab. In Nicaragua wird aber oft auch auf dem Heck der Geländewagen gefahren, in den Genuss dieser Erfahrung durfte ich drei Tage später auch noch kommen. Mein rechter Ringfinger ist immer noch taub vom verkrampften Festhalten an der Karosserie, nicht wirklich was für mich um ehrlich zu sein.
Und als wir dann in Tortuga waren, wurden wir erstmal etwas komisch angeschaut. Da wir ja aber nicht als Touris hier waren, wurden wir freundlich herumgeführt und überall vorgestellt. So auch bei den Lehrern und Schülern der Sekundarschule, die hier anscheinend immer "grünes Klassenzimmer" machen, sprich draußen unterrichten. Von den Lehrern, die bereitwillig ihren Unterricht unterbrachen um mit uns zu sprechen, erfuhren wir dann auch, dass die Sekundarschüler hier nur alle zwei Wochen Unterricht haben, was das Lernen hier natürlich ungleich schwieriger gestaltet. Nach einem kurzen Besuch im Haus unseres einheimischen "Fremdenführers" wurde sich abschließend bedankt - für unseren Besuch! Hier werden anscheinend Voluntarios ganz anders betrachtet als im touristisch geprägten SJDS - nicht als Touris sondern als weiße Helfer die allein durch ihre Hautfarbe das Vorrecht haben, alles besser zu wissen und zu können.
Nach diesem erstmaligen Kontakt mit der besagten Fundación wurden wir heute mit einem fertig ausgearbeiteten Arbeitsplan überrumpelt, der unter Anderem vorsah, dass ich im nächsten Monat insgesamt drei Erste-Hilfekurse mache, den ersten übermorgen und hie und da vielleicht noch etwas Matheunterricht gebe. Das nach einer vorsichtigen Äußerung bei besagtem Ausflug, dass ich mich in Erster Hilfe gut auskenne und auch die Naturwissenschaften mag und auch gerne anderen etwas beibringe. Der guten Frau haben wir dann erstmal vorsichtig abgesagt, wir müssten erstmal schauen, wo wir so Zeit hätten.

Abgesehen davon: Nicht nur auf dem Land sondern auch in der Stadt wird mal als "chele"-Weißer immer mit Dollarzeichen in den Augen angesehen. Bei einem netten Nica musste ich so leider auch die Erfahrung machen, dass es ihm bei mir weniger um ideelle Dinge wie Freundschaft, sondern vor allem ums Geld ging. "Hey, kannst du mir nicht mal grad 20C$ leihen? Du kriegst sie auch garantiert wieder!" Da ich ihn schon etwas länger kannte und auch schonmal mit ihm etwas getrunken hatte, lieh ich ihm das Geld. 2 Minuten später während dem Gespräch: "Ja, ich stelle dich meinem Bruder vor, du wolltest doch Surfen lernen, 20C$ dafür sind doch nicht viel!?!"
Und heute lief er mir dann zufällig nochmal über den Weg, sein erster Satz: "Hey, Leonardo, wie schauts aus? Kannst du mir mal grad 5C$ leihen?"
Aber gut, Moral von der Geschichte: Bei solchen Freundschaften von Anfang an klar machen, dass man kein "Dollar-Weißer" ist, dass man nicht direkt irgendwelche Getränke ausgibt, sowas in der Art.
Übrigens: Hier heiße ich eigentlich immer Leonardo, Leonard ist irgendwie nicht wirklich leicht durchzusetzen. Nur Leonel hat sich anscheinend zur Aufgabe gemacht, mich adäquat mit "Leonard" anzusprechen :-).
So, wenn ihr es tatsächlich geschafft habt, bis hierhin zu lesen kann ich euch leider auch kein ultimatives Geheimnis verraten, das vor euch noch niemand hat lüften können. Ich hoffe dennoch, dass ich informativ von meinen neusten Erfahrungen habe berichten können und bedanke mich fürs treue Lesen und teilweise zurück schreiben.
Viele liebe Grüße,
Leonard
MIR geht's gut. Genauso drückten es auch schon die russischen Kosmonauten aus (Bodo Bach übrigens auch, aber das nur am Rande), wenn sie sagen wollten, dass zwar alles auseinanderfällt aber die MIR trotzdem noch eine Weile am Himmel bleiben würde.
Ich auf einem ausgeschlachteten Quad
Genauso schaut es auch hier aus: Tobias und ich wohnen immer noch bei unserer Gastfamilie, auch wenn uns inzwischen immer mehr Sachen stören, die wir uns in einem privaten Umfeld (hoffentlich) anders einrichten könnten.
So haben wir nach inzwischen gut 3 Wochen Präsenz hier immer noch keinen Schlüssel, einmal wurden wir nachts mehr oder weniger ausgeschlossen (ein Missverständnis oder ein klares Votum gegen Ausgehen?), mich nervt der Fernsehsender "Discovery Kids" inzwischen doch sehr, da das Kinderfernsehen hier extrem überdreht ist und während dem Essen der Fernseher natürlich an sein muss und und und...
Denn sosehr ich "Angelina Ballerina", "Cuzko", einen überdrehten Inkaherrscher und "Jorge, el curioso"(ein noch überdrehterer Affe mit Helfersyndrom) inzwischen zu wertschätzen weiß: Irgendwann möchte man sie alle auf den Mond, oder um bei den Russen zu bleiben, auf die MIR schießen. Auf dass sie niemals mehr wiederkommen mögen :-)
Aber gut, soviel zur Wohnung hier. Es gibt, zu diesem Schluss sind Tobias und ich inzwischen gekommen, wohl immer Momente, in denen einfach alles zu viel wird, vom Fernsehen während dem Essen über die Behausungsmöglichkeiten bis hin zu den ständigen "Taxi Taxi chicos"-Rufen der Taxifahrer.
Gerade habe ich nochmal kurz im letzten Newsletter gelesen und bin doch mehr oder weniger erschreckt, wie viel Neues sich getan hat: In der Zwischenzeit hat uns der Bürgermeister empfangen, ich arbeite recht regelmäßig, hatte mal kurz eine Grippe und langsam kommen wir zwei auch immer mehr "in Touch" mit den Nicas.
Tobias und ich vor der malerischen Kulisse San Juans
Aber um vorne anzufangen: Während Tobias jetzt schon zwölf mal vier Stunden Sprachkurs täglich hatte, wollte ich mich natürlich auch nicht langweilen. So habe ich jetzt schon zwei volle Wochen im Gesundheitszentrum gearbeitet und auch die Samstage und Sonntage sind recht dicht gepackt. In der ersten Woche habe ich meinem Mentor Leonel bei seiner Tätigkeit als Hygienebeauftagter geholfen, das heißt wir sind zu Straßenrestaurants, Restaurants, Bars, Hotels und "Tante Emma"-Lädchen gegangen und haben dort mal genauer, mal weniger genau auf Hygiene etc. geachtet. In der einen Pulpería waren so die Orangensäfte abgelaufen, bei einem Hotel war die Seife schmutzig und so weiter und so fort. Dann habe ich zum Beispiel noch 20 Hände mit Wattestäbchen "abstreichen" dürfen. Die Proben werden dann alle noch untersucht und die Händeeigentümer erfahren, ob sie mangelnde oder gute Handwäsche betreiben.
Dann haben wir auch noch aktiv Malaria-/Dengueprävention betrieben, indem wir "Galvanizadoras", also Auto- und Fahrradwerkstätten besucht haben. Dort wurde unter höchstem Körpereinsatz meinerseits jeder Reifen untersucht, ob sich darin Wasser angesammelt hat, wodurch sich dadurch Mücken fortpflanzen könnten.
Die Arbeit, die mir also jetzt eher spontan zugeteilt wurde, macht aber nichtsdestotrotz Spaß, gerade mit Leonel, der wirklich ein super Mensch/Typ/Freund/Nica ist. Da die Arbeitseinstellung hier aber sehr viel lockerer ist (Ja, also heute müssen wir drei Betriebe überprüfen... machen wir heute nachmittag, ok?) und viel Zeit für die einzelnen Personen übrig bleibt, komme ich inzwischen auch sehr gut mit allen Mitarbeitern des Gesundheitszentrums aus.
Im Gesundheitszentrum hat übrigens nun "Tere", die Frau Leonels, die Leitung übernommen. Der vorherige Direktor hat sich der leicht desolaten Lage nämlich nicht mehr gewachsen gesehen und hat den Rücktritt eingereicht, 2 andere Mitarbeiter parallel zu ihm auch.
Neben dieser Arbeit im Gesundheitszentrum würde sich auch eine engagierte Bürgerin hier aus San Juan freuen, mit uns arbeiten zu dürfen. Lilliam Reyes, die inzwischen schon etwas älter ist, ist Hauptbetreiberin der "Fundación Gaspar García Laviana" und kümmert sich hier in 10 von ca. 30 Municipales (Ortschaften) um einige Belange der Bürger. So waren Tobias und ich am 2. Oktober mit einigen Mitarbeitern von ihr so richtig schön "aufm Land". Dieses "aufm Land" ist deswegen in Gänsefüßchen, da man sich als Deutscher unter dieser Formulierung vielleicht ein schönes Bauerngehöft mit einem großen Stall mit vielen fröhlich muhenden Kühen und einem freundlichen Großmilcherzeuger vorstellt, der gerade mit einem schönen Almhintergrund einige metallene Milchkannen über den Hof trägt, ein anspornendes Arbeiter-Lied auf den Lippen, im Hintergrund hängt die dralle Bauersfrau missmutig dreinblickend ein paar Bettlaken auf, neidisch auf ihren Mann, der mal wieder so voller Arbeitslust strotzt, dass es kaum zum Aushalten ist. Aber sonst ist die Trachtentragende Bauersfrau immer gut gelaunt.
So viel zur deutschen Idealvorstellung der "aufm Land"-Formulierung, geprägt von Milka Werbespots und dem eigenen Südtirolurlaub.
Natürlich brauche ich nach dieser Vorgeschichte nicht erwähnen, dass das hier leicht anders ist.
Ungefähr 25 km von San Juan del Sur entfernt, trotzdem eine kleine Weltreise und selbst mit dem Auto nicht in unter 1h 15 Minuten zu schaffen, liegt eine kleine Häusersiedlung namens Tortuga. Klein ist in dieser Hinsicht relativ zu verstehen, da selbst ein kleines Dörfchen hier mal schnell einige Tausend Einwohner hat. So wirklich einsam wird es hier nie. Die Autofahrt dauert so lange, da der Weg hierher nichtmal das nichtssagende Wörtchen "Weg" verdient hat. Bergig, steinig, teilweise matschig, mindestens drei Flüsse zu durchqueren, bei Regen quasi nicht passierbar: Ja, hier braucht man wirklich einen Jeep. Und nicht im netten und fast überall asphaltierten Europa.
Was in Deutschland abfällig ein Feldweg genannt wird und zu einer Geschwindigkeit unter 30 km/h einlädt, würde hier mit offenen Armen empfangen werden.
Ja, und genau diesen holprigen Weg sind Tobias und ich lang gefahren, wobei wir uns glücklich schätzen durften, im Auto drinnen fahren zu dürfen. So Sitzpolster fangen nämlich die gröbsten Schlaglöcher ab. In Nicaragua wird aber oft auch auf dem Heck der Geländewagen gefahren, in den Genuss dieser Erfahrung durfte ich drei Tage später auch noch kommen. Mein rechter Ringfinger ist immer noch taub vom verkrampften Festhalten an der Karosserie, nicht wirklich was für mich um ehrlich zu sein.
Und als wir dann in Tortuga waren, wurden wir erstmal etwas komisch angeschaut. Da wir ja aber nicht als Touris hier waren, wurden wir freundlich herumgeführt und überall vorgestellt. So auch bei den Lehrern und Schülern der Sekundarschule, die hier anscheinend immer "grünes Klassenzimmer" machen, sprich draußen unterrichten. Von den Lehrern, die bereitwillig ihren Unterricht unterbrachen um mit uns zu sprechen, erfuhren wir dann auch, dass die Sekundarschüler hier nur alle zwei Wochen Unterricht haben, was das Lernen hier natürlich ungleich schwieriger gestaltet. Nach einem kurzen Besuch im Haus unseres einheimischen "Fremdenführers" wurde sich abschließend bedankt - für unseren Besuch! Hier werden anscheinend Voluntarios ganz anders betrachtet als im touristisch geprägten SJDS - nicht als Touris sondern als weiße Helfer die allein durch ihre Hautfarbe das Vorrecht haben, alles besser zu wissen und zu können.
Nach diesem erstmaligen Kontakt mit der besagten Fundación wurden wir heute mit einem fertig ausgearbeiteten Arbeitsplan überrumpelt, der unter Anderem vorsah, dass ich im nächsten Monat insgesamt drei Erste-Hilfekurse mache, den ersten übermorgen und hie und da vielleicht noch etwas Matheunterricht gebe. Das nach einer vorsichtigen Äußerung bei besagtem Ausflug, dass ich mich in Erster Hilfe gut auskenne und auch die Naturwissenschaften mag und auch gerne anderen etwas beibringe. Der guten Frau haben wir dann erstmal vorsichtig abgesagt, wir müssten erstmal schauen, wo wir so Zeit hätten.
Tobias und ich mit der Köchin des Gesundheitszentrums, "Chica" genannt
Abgesehen davon: Nicht nur auf dem Land sondern auch in der Stadt wird mal als "chele"-Weißer immer mit Dollarzeichen in den Augen angesehen. Bei einem netten Nica musste ich so leider auch die Erfahrung machen, dass es ihm bei mir weniger um ideelle Dinge wie Freundschaft, sondern vor allem ums Geld ging. "Hey, kannst du mir nicht mal grad 20C$ leihen? Du kriegst sie auch garantiert wieder!" Da ich ihn schon etwas länger kannte und auch schonmal mit ihm etwas getrunken hatte, lieh ich ihm das Geld. 2 Minuten später während dem Gespräch: "Ja, ich stelle dich meinem Bruder vor, du wolltest doch Surfen lernen, 20C$ dafür sind doch nicht viel!?!"
Und heute lief er mir dann zufällig nochmal über den Weg, sein erster Satz: "Hey, Leonardo, wie schauts aus? Kannst du mir mal grad 5C$ leihen?"
Aber gut, Moral von der Geschichte: Bei solchen Freundschaften von Anfang an klar machen, dass man kein "Dollar-Weißer" ist, dass man nicht direkt irgendwelche Getränke ausgibt, sowas in der Art.
Übrigens: Hier heiße ich eigentlich immer Leonardo, Leonard ist irgendwie nicht wirklich leicht durchzusetzen. Nur Leonel hat sich anscheinend zur Aufgabe gemacht, mich adäquat mit "Leonard" anzusprechen :-).
So, wenn ihr es tatsächlich geschafft habt, bis hierhin zu lesen kann ich euch leider auch kein ultimatives Geheimnis verraten, das vor euch noch niemand hat lüften können. Ich hoffe dennoch, dass ich informativ von meinen neusten Erfahrungen habe berichten können und bedanke mich fürs treue Lesen und teilweise zurück schreiben.
Viele liebe Grüße,
Leonard
Kommentare zu dieser Seite:
Max Weller
Hallo Lenne!ich wünsche dir dass du bald eine fernsehärmere Unterkunft bekommst - das würde mich auch nerven
Freut mich, dass sich schon ein bisschen was getan hat, ich wünsch dir noch viel Erfolg !
Max
Mon 11.10. 13:20 | Comment