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Nica N.3

von Leonard @ 2010-10-23 19:24     keine Kommentare
Hallo an alle Deutschen (Newsletterempfänger),
MIR geht's gut. Genauso drückten es auch
schon die russischen Kosmonauten aus
(Bodo Bach übrigens auch, aber das nur
am Rande), wenn sie sagen wollten, dass
zwar alles auseinanderfällt aber die MIR
trotzdem noch eine Weile am Himmel
bleiben würde.
Genauso schaut es auch hier aus: Tobias
und ich wohnen immer noch bei unserer
Gastfamilie, auch wenn uns inzwischen
immer mehr Sachen stören, die wir uns in
einem privaten Umfeld (hoffentlich) anders
einrichten könnten.
So haben wir nach inzwischen gut 3
Wochen Präsenz hier immer noch keinen
Schlüssel, einmal wurden wir nachts mehr
oder weniger ausgeschlossen (ein Missverständnis oder ein klares Votum gegen
Ausgehen?), mich nervt der Kinder-TVsender "Discovery Kids" inzwischen ganz
schön, während dem Essen muss der Fernseher natürlich an sein...
Denn sosehr ich "Angelina Ballerina", "Cuzko", einen überdrehten Inkaherrscher und
"Jorge, el curioso"(ein noch überdrehterer Affe mit Helfersyndrom) inzwischen zu
wertschätzen weiß: Irgendwann möchte man sie alle auf den Mond, oder um bei den
Russen zu bleiben, auf die MIR schießen. Auf dass sie niemals mehr wiederkommen
mögen :-)
Aber gut, soviel zur Wohnung hier. Es gibt, zu diesem Schluss sind Tobias und ich
inzwischen gekommen, wohl immer Momente, in denen einfach alles zu viel wird,
vom Fernsehen während dem Essen über die Behausungsmöglichkeiten bis hin zu
den ständigen "Taxi Taxi chicos"-Rufen der Taxifahrer.
Gerade habe ich nochmal kurz im letzten Newsletter (nachzulesen auf www.leonard-
in-nicaragua.de/blog) gelesen und bin doch etwas erschreckt, wie viel Neues sich
getan hat: In der Zwischenzeit hat uns der Bürgermeister empfangen, ich arbeite
recht regelmäßig, hatte mal kurz eine Grippe und langsam kommen wir zwei auch
immer mehr "in Touch" mit den Nicas.
Aber um vorne anzufangen: Während Tobias jetzt schon zwölf mal vier Stunden
Sprachkurs täglich hatte, wollte ich mich natürlich auch nicht langweilen. So habe ich
jetzt schon zwei volle Wochen im Gesundheitszentrum gearbeitet und auch die
Samstage und Sonntage sind recht dicht gepackt. In der ersten Woche habe ich
meinem Mentor Leonel bei seiner Tätigkeit als Hygienebeauftagter geholfen, das
heißt wir sind zu Straßenrestaurants, Restaurants, Bars, Hotels und "Tante Emma"-
Lädchen gegangen und haben dort mal genauer, mal weniger genau auf Hygiene
etc. geachtet. In der einen Pulpería waren so die Orangensäfte abgelaufen, bei
einem Hotel war die Seife schmutzig und so weiter und so fort. Dann habe ich zum
Beispiel noch 20 Hände mit Wattestäbchen "abstreichen" dürfen. Die Proben werden
dann alle noch untersucht und die Händeeigentümer erfahren, ob sie mangelnde
oder gute Handhygiene betreiben.
Dann haben wir auch noch aktiv Malaria-/Dengueprävention betrieben, indem wir
"Galvanizadoras", also Auto- und Fahrradwerkstätten besucht haben. Dort wurde
unter höchstem Körpereinsatz meinerseits jeder Reifen untersucht, ob sich darin
Wasser angesammelt hat, wodurch sich dadurch Mücken fortpflanzen könnten.
Die Arbeit, die mir also jetzt eher spontan zugeteilt wurde, macht aber
nichtsdestotrotz Spaß, gerade mit Leonel, der wirklich ein super
Mensch/Typ/Freund/Nica ist. Da die Arbeitseinstellung hier aber sehr viel lockerer ist
(Ja, also heute müssen wir drei Betriebe überprüfen... machen wir heute nachmittag,
2 Voluntarios vor dem Panorama von San Juan
ok?) und viel Zeit für die einzelnen Personen übrig bleibt, komme ich inzwischen
auch sehr gut mit allen Mitarbeitern des Gesundheitszentrums aus.
Im Gesundheitszentrum hat übrigens nun "Tere", die Frau Leonels, die Leitung
übernommen. Der vorherige Direktor hat sich der leicht desolaten Lage nämlich nicht
mehr gewachsen gesehen und hat den Rücktritt eingereicht, 2 andere Mitarbeiter
parallel zu ihm auch.
Neben dieser Arbeit im Gesundheitszentrum
würde sich auch eine engagierte Bürgerin hier
aus San Juan freuen, mit uns arbeiten zu
dürfen. Lilliam Reyes, die inzwischen schon
etwas älter ist, ist Hauptbetreiberin – ich
glaube auch Gründerin – der "Fundación
Gaspar García Laviana" und kümmert sich
hier in 10 von ca. 30 Municipales
(Ortschaften) um einige Belange der Bürger.
So waren Tobias und ich am 2. Oktober mit
einigen Mitarbeitern von ihr so richtig schön
"aufm Land". Dieses "aufm Land" ist
deswegen in Gänsefüßchen, da man sich als
Deutscher unter dieser Formulierung vielleicht
ein schönes Bauerngehöft mit einem großen Stall mit vielen fröhlich muhenden
Kühen und einem freundlichen Großmilcherzeuger vorstellt, der gerade mit einem
schönen Almhintergrund einige metallene Milchkannen über den Hof schleppt, ein
anspornendes Arbeiter-Lied auf den Lippen, im Hintergrund hängt die dralle
Bauersfrau etwas missmutig dreinblickend ein paar Bettlaken auf, neidisch auf ihren
Mann, der die gute Laune gepachtet zu haben scheint. Aber sonst ist die
Trachtentragende Bauersfrau immer gut gelaunt und verteilt wahlweise
Fruchtjoghurts oder Milkariegel an zufällig vorbeikommende Wanderer.
So viel zur deutschen Idealvorstellung der "aufm Land"-Formulierung, geprägt von
Milka Werbespots und dem eigenen Südtirolurlaub.
Natürlich brauche ich nach dieser Vorgeschichte nicht erwähnen, dass das hier leicht
anders ist.
Ungefähr 25 km von San Juan del Sur entfernt, trotzdem eine kleine Weltreise und
selbst mit dem Auto nicht in unter 1h 15 Minuten zu schaffen, liegt eine kleine
Häusersiedlung namens Tortuga. Klein ist in dieser Hinsicht relativ zu verstehen, da
selbst ein kleines Dörfchen hier mal schnell mehrere Hundert Einwohner hat. So
wirklich einsam wird es hier nie. Die Autofahrt dauert so lange, da der Weg hierher
nichtmal das nichtssagende Wörtchen "Weg" verdient hat. Bergig, steinig, teilweise
matschig, mindestens drei Flüsse zu durchqueren, bei Regen quasi nicht passierbar:
Ja, hier braucht man wirklich einen Jeep. Und nicht im netten und fast überall
asphaltierten Europa.
Was in Deutschland abfällig ein „Feldweg“ genannt wird und zu einer
Geschwindigkeit unter 30 km/h einlädt, würde hier mit offenen Armen empfangen
werden.
Ja, und genau diesen holprigen Weg sind Tobias und ich lang gefahren, wobei wir
uns glücklich schätzen durften, im Auto drinnen fahren zu dürfen. So Sitzpolster
fangen nämlich die gröbsten Schlaglöcher ab. In Nicaragua wird aber oft auch auf
dem Heck der Geländewagen gefahren, in den Genuss dieser Erfahrung durfte ich
drei Tage später auch noch kommen. Mein rechter Ringfinger ist immer noch taub
vom ständigen Festhalten an der Karosserie, nicht wirklich was für mich um ehrlich
zu sein.
Und als wir dann in Tortuga waren, wurden wir erstmal etwas komisch angeschaut.
Da wir ja aber nicht als Touris hier waren, wurden wir freundlich herumgeführt und
überall vorgestellt. So auch bei den Lehrern und Schülern der Sekundarschule, die
hier anscheinend immer "grünes Klassenzimmer" machen, sprich draußen
unterrichten. Von den Lehrern, die bereitwillig ihren Unterricht unterbrachen um mit
uns zu sprechen, erfuhren wir dann auch, dass die Sekundarschüler hier nur alle
zwei Wochen samstags Unterricht haben, was das Lernen hier natürlich ungleich
schwieriger gestaltet. Nach einem kurzen Besuch im Haus unseres einheimischen
"Fremdenführers" wurde sich abschließend bedankt - für unseren Besuch! Hier
werden anscheinend Voluntarios ganz anders betrachtet als im touristisch geprägten
SJDS - nicht als Touris sondern als weiße Helfer die allein durch ihre Hautfarbe das
Vorrecht haben, alles besser zu wissen und zu können.
Nach diesem erstmaligen Kontakt mit der besagten Fundación wurden wir heute mit
einem fertig ausgearbeiteten Arbeitsplan überrumpelt, der unter Anderem vorsah,
dass ich im nächsten Monat insgesamt drei Erste-Hilfekurse abhalte, den ersten
übermorgen und hie und da vielleicht noch etwas Matheunterricht gebe. Das nach
einer vorsichtigen Äußerung bei besagtem Ausflug, dass ich mich in Erster Hilfe gut
auskenne und auch die Naturwissenschaften mag und auch gerne anderen etwas
beibringe. Der guten Frau haben wir dann erstmal vorsichtig abgesagt, wir müssten
erstmal schauen, wo wir so Zeit hätten. Diese Woche wollen wir dann übrigens mit
Leonel mal unsere übrigen potentiellen Arbeitgeber abklappern um zu sehen, wann
wir in der Primar- und Sekundarschule unterrichten können.
Abgesehen davon: Nicht nur auf dem Land
sondern auch in der Stadt wird mal als "chele"-
Weißer immer mit Dollarzeichen in den Augen
angesehen. Bei einem netten Nica musste ich so
leider auch die Erfahrung machen, dass es ihm bei
mir weniger um ideelle Dinge wie Freundschaft,
sondern vor allem ums Geld ging. "Hey, kannst du
mir nicht mal grad 20C$ leihen? Du kriegst sie
auch garantiert wieder!" Da ich ihn schon etwas
länger kannte und auch schonmal mit ihm etwas
getrunken hatte, lieh ich ihm das Geld. 2 Minuten
später während dem Gespräch: "Ja, ich stelle dich
meinem Bruder vor, du wolltest doch Surfen
lernen, 20C$ dafür sind doch nicht viel!?!"
Und heute lief er mir dann zufällig nochmal über
den Weg, sein erster Satz: "Hey, Leonardo, wie
schauts aus? Kannst du mir mal grad 5C$ leihen?"
Aber gut, Moral von der Geschichte: Bei solchen
Freundschaften von Anfang an klar machen, dass
man kein "Dollar-Weißer" ist, dass man nicht direkt
irgendwelche Getränke ausgibt, sowas in der Art.
Übrigens: Hier heiße ich eigentlich immer
Leonardo, Leonard ist irgendwie nicht wirklich leicht durchzusetzen. Nur Leonel hat
sich anscheinend zur Aufgabe gemacht, mich adäquat mit "Leonard"
anzusprechen :-).
Über den Tisch gezogen wird man hier aber leichter.
Eine andere nette Geschichte dazu: Ich war hier bei der Bäckerei um die Ecke um
mich für den Tag einzudecken, es sollte nämlich so richtig schön in die Pampa
gehen. Eine Stunde mit dem Jeep mindestens, "aufs Land" sollte es gehen.
Aber gut, in der Bäckerei hatte ich am Vortag schonmal so schöne
Rosinenschnecken (mit weniger Rosinen als in D) gekauft. Eine für 11C$. (21C$
sind ungefähr 1$). Also nicht wirklich teuer. Ich bestellte also zwei und sollte auf
einmal 30C$ dafür bezahlen. Gestern hätte ich aber 11C$ dafür bezahlt. Die
sympathische und absolut wahrheitsliebende Verkäuferin dazu: "Ja, die Kollegin
müsse sich da wohl getäuscht haben." Ich: "ja, nee, kann nicht sein. Außerdem steht
hier doch 11C$." "Ja, da hat die Kollegin vergessen, das Schild zu tauschen. Die
sind wirklich 15C$ wert!!!" Naja, daraufhin habe ich dann resigniert die 30C$ bezahlt.
Das Schöne an der Geschichte: sie ist noch nicht zu ende :-D
ganz rechts mein spezieller Freund mit
den Geldproblemen :-) an der
Strandpromenade
Tobias war am gleichen Tag auch nochmal bei der Bäckerei und hat sich auch eine
Rosinenschnecke gekauft. Was soll ich sagen... er hat irgendwie nur 11C$ bezahlen
sollen...
Naja, wozu ist man auch weiß, man hat ja Geld...
Aber, um ehrlich zu sein: 30C$ also ungefähr 1,20€ für zwei Rosinenschnecken
haben mich jetzt auch nicht umgebracht. Aber nichtsdestotrotz nervt es mich
natürlich immer, wenn man mich über den Tisch ziehen will (und es auch noch
schafft). Und sich dann sagt: "Ja, der hat ne hellere Hautfarbe, der kann auch mehr
zahlen." Und höchstwahrscheinlich geht der zusätzliche Erlös nicht in die Hilfs-
Kasse für hungernde Kinder sondern in den privaten Kauf der
Bäckereifachangestellten einer Cola.
Und das CocaCola-Imperium unterstützen will ich natürlich auch nicht, nur weil ich
eine Rosinenschnecke kaufe. Im Moment bin ich immer noch am Überlegen, wie ich
die hilfsbereite Verkäuferin mal um exakt 8C$ betrügen kann... ;-)
Zu guter letzt bleibt noch kurz zu erzählen,
dass wir letzten Samstag ganz spontan zum
Geburtstag der Schwester von „Chica“, der
Köchin des Gesundheitszentrums eingeladen
wurden. Auf dem Geburtstag im Hinterhof des
Hauses mit lauter Latinomusik wurde dann
auch fröhlich getanzt, sich unterhalten usw.
Ganz bemerkenswert fand ich zum einen,
dass wir so spontan nach nur 3 Wochen
Aufenthalt eingeladen wurden, ohne besagte
Schwester Paula überhaupt zu kennen. Und
außerdem wurde Svenja, eine DED-Freiwillige
(Freiwillige vom Deutschen
Entwicklungsdienst, auch hier für ein Jahr),
mit der wir uns ganz gut verstehen, gleich mit
eingeladen weil sie kurz vor dem Geburtstag
nun mal eben mit uns im Park „abhing“. Auf dem Geburtstag selber waren nur so um
die 12 Leute, inklusive uns drei Deutschen. Was mir und Tobias im Nachhinein vor
allem gefiel, war einfach das Plaudern und Scherzen mit den Nicas, ganz anders als
dies in irgendeiner Bar möglich gewesen wäre. Der Alkohol floss auch nicht in
Strömen, Chica und ich haben trotzdem mit lustigen Dialogen & Schlagabtäuschen
die Abendgesellschaft begeistert (soweit ich das beurteilen kann).
Und zur Feier des Tages haben wir dann auch noch „Heute kann es regnen, stürmen
oder schneien, denn du strahlst ja selber wie der Sonnenschein...“ angestimmt um
auch unseren Teil zur allgemeinen Liedkultur beizutragen.
Alles in allem ein wirklich schöner Abend, bei dem ich mir mal nicht wie ein Touri
vorkam.
So, soweit so gut, vier Seiten wollen ja auch gelesen werden. Ich würde mich wie
immer über Kommentare, Fragen und Feedback aller Art freuen.
Das Wetter ist übrigens inzwischen gut wie eh und je, keine 2h Regen pro Tag
mehr :-).
Beste Grüße,
Leonard
Tobias und ich mit der Köchin des
Gesundheitszentrums, „Chica“