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Hallo ihr Lieben,

nachdem ich jetzt schon eine wahnsinnige Spannung auf den nächsten Newsletter bis über den ganzen großen Ozean verspüre, muss ich mir jetzt notgedrungen ein paar hanebüchene Nebensächlichkeiten aus den Fingern pressen.
Aber nein, Spaß beiseite, inzwischen gibt es schon so viele Neuigkeiten, dass ich schon wieder völlig überfordert bin, das alles in ein paar nett zu lesende Zeilen zu verpacken.

Fangen wir an bei einer Gesamteinschätzung der politischen Großwetterlage, um die Katze von hinten aufzurollen (mir ist grad kein passenderes Sprichwort eingefallen, Entschuldigung).
Diesbezüglich ist ein schon jahrelang existenter Streit zwischen Costa Rica und Nicaragua wieder aufgeflammt. Nach einer wahrlich langen Recherche kann ich das Problem sogar halbwegs nachvollziehen. Vor dem Lesen einiger deutscher Medien hatte ich nämlich nur die stark vereinfachten Reden einiger nicaraguanischer Politier mitgekriegt, und obwohl ich die Reden von der Sprache her eigentlich verstanden habe, ist mir selbst der eigentliche Konflikt größtenteils verborgen geblieben. Und so wirklich objektive Medien und/oder halbwegs neutrale Einschätzungen und Zusammenfassungen der Presse hier sind auch nicht wirklich zu erwarten. Entweder die Zeitung ist regierungsnah oder oppositionsnah. Dazwischen: Pustekuchen...

Inzwischen weiß ich jedoch: der Río San Juan, der Costa Rica und Nicaragua voneinander trennt, wird momentan gesäubert und ausgebaggert, um größeren Schiffen die Durchfahrt zu erlauben. Dahinter wiederum steht der Plan Nicaraguas, eine Konkurrenz zum bestehenden Panamakanal zu erschaffen. Dieses Ziel liegt aber erstmal noch in weiter Ferne.
Im Zuge dieser Säuberungsaktion fanden auch einige Razzien gegen Drogenschmuggler statt. Was das eine mit dem anderen zu tun hat, ist mir aber immer noch unklar.
Bei besagter Säuberungsaktion half auch das Militär Nicaraguas mit. Nun setzten also ein paar Militärs auf eine Insel über, von der sie angeblich dachten, sie würde zu Nicaragua gehören. Warum? Ganz klar, der amtliche und bekannterweise 150% korrekte Kartenservice von Google zeigte an, dass besagte Insel zu Nicaragua gehören würde. Und so als Militär verlässt man sich natürlich auch ohne Nachfrage auf so einen Kartenservice.
Naja, die Geschichte geht so weiter, dass Costa Rica eine Invasion Nicaraguas fürchtet, Google gibt bekannt, dass die Grenze so nicht korrekt war und beide Staaten wollen nicht mal miteinander reden, um das Problem aus der Welt zu schaffen. Dickköpfe...
Der Fluss gehört übrigens wirklich zu Nicaragua, das Land auf der anderen Seite zu Costa Rica. Soweit, so einfach. Um das Problem nicht wirklich zu lösen aber um überhaupt irgendwas zu machen, hat das Nica-Parlament beschlossen, den Río San Juan in "Río San Juan de Nicaragua" umzubenennen. Hauptsache irgendwas gemacht und ja nicht einlenken...

Eine kleine Anekdote dazu: Während Daniel Ortega, Präsident Nicaraguas, im Fernsehen eine offizielle Ansprache hält, ist kein einziges anderes Programm mehr zu empfangen als der offizielle "Canal 2", der die Rede live überträgt...

Dann eine andere Sache von ziemlich großer Bedeutung (auch für mich): Aufgrund der starken Regenfälle in letzter Zeit hat sich die Leptospirose epidemieartig über ganz Nicaragua verbreitet. Leptospirose wird durch Ratten- und Mäuseurin übertragen und wenn es regnet, können sich natürlich auch schnell mal ein paar Flüsse, Seen oder Ähnliches kontaminieren. Ohne Regen wäre die Situation wohl bei weitem nicht so schlimm.
Und so gab es dann innerhalb von ein paar Tagen schon ganze 16 Todesfälle und sehr viel mehr Erkrankte. Die Leptospirose kann tödlich enden, muss aber nicht. Bei guter und rechtzeitiger Behandlung innerhalb von 5 Tagen kann mit Penicillin behandelt werden, danach können nur noch Symptome wie hohes Fieber etc. gemildert werden - das ganze geht aber größtenteils gut aus.
Die Konsequenz für uns war, dass Tobias, ich und generell das ganze Gesundheitszentrum durch ganz San Juan und Umgebung getigert ist und jedem, der sich nicht gewehrt hat, eine Chemoprophylaxe verabreicht hat. Diese sah so aus: Kinder von 2-9 Jahren erhalten Amoxicyclin, alle über 10 Jahren Doxicyclin. Schwangere auch Amoxi. Erst nach ungefähr einer Woche ist mir erst so richtig bewusst geworden, wie verantwortungsvoll diese Aufgabe eigentlich ist: Die erwähnten Antibiotika haben bei garnicht mal wenigen Personen ganz schön ordentliche Nebenwirkungen wie Übelkeit, Durchfall und generelles Unwohlsein hervor gerufen. Und ich als Nicht-Arzt sollte da einfach mal so Medikamente verteilen.
Dazu muss ich allerdings auch erklären, dass das hier "alles ein bisschen anders" ist. So nehmen die Nicas sehr viel schneller mal eine Tablette. Hustensaft wird gleich aus der Flasche getrunken. Wenn ich also ein Grippe mit einem Tag im Bett einfach auskurieren und den Körper seine Arbeit machen lassen will, wird man ganz schön komisch angeguckt. "Wie, du nimmst keine Tablette?" war der Kommentar unserer zweiten Gastmutter. Die Personenkonstellation in unserer Gastfamilie ist übrigens etwas schwieriger geworden, aber dazu später mehr.

Alles in allem habe ich beim Medikamenteverteilen aber strikte Richtlinien erhalten und durfte auch erstmal das ganze mit Leonel "ausprobieren" und ihm assistieren. Dadurch habe ich auch sehr schnell alle notwendigen Fragen (Schwanger? Allergisch gegen Medikamente? und beim Alter: 10 Jahre vollendet?) gelernt.
So kann ich glaube ich doch guten Gewissens behaupten, dass ich das ganze sehr gewissenhaft gemacht habe. Andere Schüler, die aufgrund von Personalmangel mal eben rekrutiert wurden, haben das alles sehr viel leichtfertiger gemacht. Tobias und ich sind so zB mal mit zwei Mädels "medikamentieren" gegangen. Und die haben die Frauen teilweise garnicht gefragt ob sie schwanger sind, nicht auf die richtige Dosis geachtet oder nicht über Nebenwirkungen informiert.
Ich glaube jedoch, dass das weniger Unlust oder "Alles-egal-Haltung" war, als mehr einfach eine gewisse junge Naivität. Die Mädels waren so ungefähr 16 Jahre alt und haben sich über die richtige Dosis zum Beispiel einfach weniger Gedanken gemacht als ich oder Tobias.
Eine etwas komische Situation habe ich bei der Medikamenteverteilung auch mit einer Ärztin gemacht.
Kinder zwischen 2 und 4 Jahren erhalten Amoxicyclin nämlich als Flüssigkeit, und zwar 500mg Wirkstoff. Nun gab es jedoch zwei verschiedene Pulverfläschchen zum Auflösen, eines mit 250mg pro 5ml, das andere mit 125mg pro 5ml. Das heißt, einmal mussten die Kinder 10ml und bei den anderen Fläschchen 20ml erhalten.
Als ich die Ärztin dann bei einer kurzen Besprechung darauf aufmerksam machen wollte, dass die Kinder jetzt nicht 10ml, sondern 20ml erhalten müssen, wollte diese mir partout nicht glauben. Ich musste sie dann wirklich geschlagene 5 (-fünf-) Minuten darum bitten, doch einen Blick auf das Fläschchen zu riskieren. Mit uns waren noch besagte zwei Mädels und ein anderer Schüler bei der kurzen Medikamentierungs-Anleitung, die nach meiner zweiten Entgegnung, das sei so nicht ganz richtig, schon verhalten anfingen zu lachen.
Und normalerweise bin ich ja nun wirklich nicht rechthaberisch, aber hier ging es ja dann doch um eine wichtige Grundsatzfrage. Alle Kinder, die nur 10ml erhalten hätten, wären ja wahrscheinlich nicht wirklich gut geschützt gewesen.
Aber nach erwähnten 5 Minuten setzte die Ärztin dann tatsächlich ihre Brille auf, schaute kurz auf die Flasche, dich ich ihr die ganze Zeit zeigen wollte und musste mir dann mehr oder weniger wiederwillig Recht geben. "El muchacho tiene razon..."
Bitte macht nicht den Fehler und denkt jetzt, dass alle Nicas rechthaberisch seien, Leonel meinte später, dass die ganze Familie sehr auf ihrer eigenen Meinung beharren würde :-)

Die erwähnten Medikamentierungstouren stellen übrigens einen derzeit recht großen Teil meiner Arbeit dar. Abgesehen davon gebe ich nun auch schon seit 2-3 Wochen Sportunterricht in einer öffentlichen Schule in der Nachbarschaft. Die 1., 2. und 3.-Klässler haben nämlich keinen Sportlehrer, weswegen Jonas und Micha letztes Jahr damit anfingen, für fünf Klassen den Sportunterricht zu schmeißen. Tobias hat die zwei 2. Klassen, ich habe zwei 1. Klassen und eine 3. Klasse. Alle haben jeweils 2 Stunden Sportunterricht für 45 Minuten pro Woche. Das heißt, ich verbringe sechs Schulstunden in der Grundschule.
Der Sportunterricht macht im großen und ganzen wahnsinnig Spaß, ich werde jetzt des öfteren mit kleinen Freudenschreien "Proooffeee!!!" auf der Straße begrüßt und es ist auch keine Seltenheit, dass kleine Kinder auf mich zurennen, mich umarmen und "Hola, Profe!" sagen.
Schon ein witziges Gefühl :-). In meiner Nachbarschaft wohnt auch einer meiner Schüler, der mir ganz ausdauernd beibringt, wie man "Trompo", also Kreisel hier zum Drehen bringt. Ich krieg den momentan nur immer auf den Kopf hin...

Die Arbeit im Gesundheitszentrum nimmt auch langsam etwas konkretere Formen an. So haben wir jetzt halbwegs feste Tage, an denen wir dort auftauchen und irgendwie mitarbeiten. Letzten Endes entscheidet sich jedoch auch vieles erst am Vortag.
Dann war ich jetzt auch schon einmal am "Instituto", der Sekundarschule hier. Das Instituto ist übrigens die Partnerschule einer Schule in Großen-Buseck.
Dort habe ich einfach mal beim "Computerunterricht" zugeschaut. Bis auf eine gewisse organisierte Unordnung ist der Unterricht jedoch ähnlich wie den, den ich zwei Jahre bei Frau Gutjahr in Stuttgart genießen durfte. Excel, Powerpoint, ein bisschen Word etc.
Mal sehen, ob ich nicht nächstes Jahr auch etwas da mitmischen darf. Die Schuldeligierte hier für das Gebiet Rivas hat mir jedoch gesagt, dass sie noch einen Computerlehrer in einem Dorf in der Nähe bräuchte. Die Schule dort nimmt nämlich an einem Computerprojekt der Vereinten Nationen teil und kriegt Internet und für einen Tag in der Woche Notebooks gestellt.
Das mit dem Englisch-Unterricht hat sich jedoch etwas "erledigt". So ist die Freiwilligendichte hier in San Juan gefühlt sehr, sehr hoch. Neben ein paar Amis, die neben einem schönen Sozialgefühl gerne etwas Urlaub machen, will hier quasi jeder Englisch-Unterricht geben. Da halte ich mich dann vielleicht lieber an die Arbeit im Gesundheitszentrum, den Sportunterricht, wo ich wirklich gebraucht werde und Ähnliches.
So hatte ich die Idee, Schwimmunterricht zu geben. Außerdem wurde ich nun schon von vielen Leuten angesprochen, ob ich nicht Erste-Hilfekurse geben könne. Natürlich bin ich kein richtiger EH-Ausbilder und auch nicht vom Nica Rot-Kreuz.
Aber so eine Art Verbandlehre mit ein paar Notfallhilfeelementen könnte ich mir sehr gut vorstellen. Zumal das Nica RK (Cruz Roja Nicaragüense) dieser Aufgabe anscheinend so gut wie garnicht nachkommt. Hier in San Juan gibt's auch keine Niederlassung des CRN.
Allerdings stellen sich noch einige Probleme: Hier gibt es keine Verpflichtung, im Auto einen Verbandkasten zu haben, und einfach so haben die Leute hier natürlich kein Verband- oder Unfallhilfematerial zuhause rumfliegen. Was aber durchaus sinnvoll wäre, wenn der Ambulanzjeep eine Stunde bis zum Dorf braucht (wie das zB in Tortuga der Fall ist).
Vielleicht könnte ich ja auch mithilfe eines solchen "Unfallkurses" ein paar halbwegs genormte Verbandkästen zu Vorteilspreisen unter die Bevölkerung bringen. Vielleicht beteiligt sich ja auch die Stadt Gießen an solch einem Projekt. Oder auch das NicaRK. Eigentlich wäre es nämlich deren Aufgabe, solche Kurse hier zu veranstalten.
Alles in allem ist der Unfallkurs (hat da jemand vielleicht einen schöneren Namen für mich?) momentan weitaus ausgereifter, das mit dem Schwimmkurs muss ich mir noch überlegen. Eine nicht repräsentative Umfrage unter meinen Schülern der 3. Klasse hat ergeben, dass fast alle irgendwie schwimmen können, einige sogar kraulen, es jedoch auch ein paar gibt, die mit Wasser außer Trinken quasi nichts anfangen können :-).

Ab dem 23. November haben alle Schüler übrigens lange, lange Ferien, bis in den Februar nämlich. Das Schuljahr geht hier nämlich von Februar bis November, diese Ferien wären also unsere "Sommerferien". In dieser Zeit werde ich wohl auch etwas mehr diesen eigenen Projekten nachkommen können. Nächsten Montag geht's deswegen auch mal nach Rivas um den Kontakt zum Roten Kreuz dort vor Ort herzustellen und sich mal vorzustellen.

Bezüglich Wohnsituation gibt es übrigens auch Neuigkeiten: Tobias ist inzwischen zu Lara und Kim gezogen, zwei anderen deutschen Freiwilligen.
Er ist von zuhause aus mehr der Einzelgänger und wollte darum lieber mit Leuten zusammen ziehen, mit denen er nicht auch noch arbeitet, abends ausgeht etc.
Wohin es mich dann zieht, ist mir noch nicht ganz klar. In der derzeitigen Gastfamilie will ich nur eher ungern bleiben, da ich nach 2 Monaten dort immer noch eine Art "Hotel-feeling" habe.
Außerdem haben sich unsere Gasteltern vor kurzem auch noch getrennt, wobei es zu ein paar unschönen Szenen gekommen ist:
"Wann hast du das Geld?"
"Ich habe es nicht hier."
"Hast du es morgen?"
"Keine Ahnung."
"Ok, dann nehme ich halt die Kleine mit." sprach der Gastvater und nahm die Kleine mit. Keine Sorge, eine Stunde später war sie wohlbehalten wieder da. Aber irgendwie ist die Stimmung nun nicht mehr so locker, da ich mich recht gut mit dem Gastvater verstanden hatte, mit dem Rest der Familie aber nicht so wirklich warm wurde.
Was dazu recht amüsant wirkte: Leonel meinte, ja, so Trennungen kommen vor (hat er ja auch recht mit), als wir jedoch einmal abends ausgesperrt wurden, meinte er, wir sollten schnellstmöglich da raus... Versteh da einer noch die Nicas ;-P

Für mich gibt es jetzt die Möglichkeiten, bei der derzeitigen Gastfamilie zu bleiben, mit jemand anderem eine kleine WG zu gründen oder mir eine neue Gastfamilie zu suchen. In einer Gastfamilie wäre das "Nica-Feeling" sehr viel stärker, in einer WG würde ich wohl etwas mehr Selbstständigkeit lernen (müssen), was meine Eltern wohl vor allem freuen dürfte ;-).
Nicht, dass ihr jetzt einen falschen Eindruck von mir kriegt, aber eine eigene Wohnung ist natürlich schon nochmal ein großer Schritt in Richtung Unabhängigkeit und Selbstständigkeit.
Bezüglich Personenkonstellation ist also der Gastvater nun ausgezogen und Tobias ist 100m weiter gezogen. Als quasi-Ausgleich ist jedoch nun schon seit längerer Zeit die Mutter meiner Gastmutter von Bekannten aus El Salvador zurückgekommen. Meine Gastoma sozusagen, mit 60 Jahren kommt das für hiesige Verhältnisse auch in etwa hin. Seitdem gibt es auch mit verblüffender Regelmäßigkeit Bohnen. Noch wachsen sie mir jedoch noch nicht aus der Nase, dementsprechend noch alles im grünen Bereich.

Also alles in allem geht es mir nach wie vor gut, auch wenn ich jetzt etwas unabhängigere Wege einschlagen werde. Die Arbeit wird immer konkreter und ich habe auch das Gefühl, hier neue Dinge zu lernen, und auf der anderen Seite den Nicas auf verschiedene Art und Weise helfen zu können. Also genau das, was ich mir auch im Vorfeld vorgestellt habe; hier ein kleines bisschen was zu verbessern und auf der anderen Seite durch schöne und auch weniger schöne Erfahrungen dafür belohnt zu werden.
Soweit also mein Zwischenfazit nach 2 Monaten San Juan del Sur :-)

Und zum Abschluss noch ein paar Bilder, weil die bisher etwas zu kurz kamen:




Über Feedback würde ich mich wie immer sehr freuen. Was für eine Wohnmöglichkeit würdet ihr mir denn empfehlen?

Beste Grüße nach Deutschland (wo es gerade etwas kälter sein soll als hier),
Leonard



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